Je reproduis ici un très bon article de Mathieu von Rohr consacré à la relation des Suisses alémaniques au bon allemand et à leur dialecte. Le texte est paru le 11 février dans le "Magazin" du "Tages-Anzeiger". Il se demande comment ils pourront encore vivre longtemps avec une langue qu'ils déteste. Seul un psychiatre pourrait les aider, dit-il!
Fremsprache Deutsch
Die Deutschschweizer entfremden sich vom Hochdeutschen und verkriechen sich im Dialekt. Helfen kann nur der Psychiater.
"Wenn man Deutschschweizer Kinder beobachtet, wie sie durchs Wohnzimmer rennen und das geschliffene Hochdeutsch der Fernsehserien nachahmen, kann man sich nur schwer vorstellen, dass sie einst ein hochproblematisches Verhältnis zu dieser Sprache entwickeln werden. Aber der Weg ist ihnen vorgezeichnet, es gibt kein Entrinnen: Eines Tages werden sie zur Schule gehen müssen, und dort werden Lehrer auf sie warten, die selber Mühe haben mit dem Hochdeutschen, und die in die Mundart wechseln, wann immer möglich.
Hier, in der Schule, lernen die Kinder, dass Hochdeutsch etwas Schwieriges und Fremdes ist. Sie lernen, dass Hochdeutsch den Deutschen gehört, dass die Schweizer es von den Deutschen nur zum Schreiben ausleihen und es sowieso nie so gut beherrschen werden wie die. Sie lernen, dass es unschweizerisch ist, so Deutsch zu sprechen wie die Leute im Fernsehen. Es dauert nicht lange, bis die kleinen Schweizer jede Freude an der deutschen Sprache verloren und diese ungesunde Mischung aus Verachtung und Bewunderung erlernt haben, die man als Schweizer einem geschliffen sprechenden Deutschen gegenüber zu empfinden hat.
Was für eine Ironie, dass wir Deutschschweizer, die wir uns gerne mit unserem mehrsprachigen Staat brüsten, einen so tief sitzenden Knacks haben, ausgerechnet, was unsere eigene Sprache angeht. (...)
Wir können immer schlechter Hochdeutsch, und schlimmer noch, es scheint uns nicht zu kümmern. Viele Schweizer sind seltsam stolz auf ihr sprachliches Unvermögen, ist es doch der Beweis dafür, dass wir sind, wer wir sind, vor allem aber, dass wir anders sind als die. Es scheint zwar seltsam, sich über etwas zu definieren, das man nicht kann, aber etwas Besseres bleibt uns offenbar nicht: Das unbeholfene Deutsch macht uns Schweizer erst zu Schweizern. (...)
Erfolgreiche Isolation
Der Dialekt, stellten die Autoren der Studie fest, verdränge das Hochdeutsche nicht nur in den Medien, sondern auf allen Ebenen. Die Schüler beherrschten die Schriftsprache immer weniger, auch die jungen Lehrer bekundeten erschreckende Mühe. Die Deutschschweizer seien dabei, die Verbindung zum hochdeutschen Sprachraum zu kappen - mit Konsequenzen auf wirtschaftlicher und kultureller Ebene. Die mangelnden Grammatikkenntnisse in Deutsch erschwere für die Schüler auch das Lernen von Fremdsprachen. Der Deutschschweiz drohe die Provinzialisierung. (...)
Beweise für den Siegeszug des Dialekts zu finden, ist nicht schwer. (...) Die NZZ berichtet von der Absicht des Bundesamts für Landestopografie, Flurnamen auf Landkarten extremmundartlich zu schreiben: Chäästaal, Frooi Uussicht, Grüobini, Totuflieji.
Das Problem ist aber nicht der Dialekt an sich. (...) Die Schweizer sind mit ihrem Dialekt auch nicht der Sonderfall, der sie so gerne wären. Hunderttausende von Kindern wachsen in Deutschland mit Dialekten auf, sprechen zu Hause erst Badisch, Hessisch, Kölsch oder Platt und müssen Hochdeutsch genauso in der Schule lernen wie die Schweizer. Aber während in Deutschland der Dialekt ein schlechtes Image hat und als Sprache der Ungebildeten gilt, ist es in der Schweiz genau umgekehrt: Der Dialekt wird verherrlicht, Hochdeutsch abgelehnt. Hier liegt das Problem.
Schweizer, die sich in zwei oder drei Fremdsprachen ungeniert ausdrücken können, sind plötzlich befangen, wenn sie Deutsch sprechen sollen. Als Konsequenz wählen sie eine Vermeidungsstrategie: Es gibt glaubhafte Berichte über Schweizer Geschäftsleute, die sich mit Deutschen lieber auf Englisch unterhalten. (...) Eine verquere Logik: Wer in Hochdeutsch ungeübt ist, dem fällt es selbstverständlich schwer, sich darin präzise auszudrücken. Weil wir also kein Hochdeutsch können, ist es eine Fremdsprache[100], und weil es eine Fremdsprache[100] ist, müssen wir es auch nicht besser beherrschen.
Volk der Sprachneurotiker
Bei der Pisa-Studie von 2001 haben die Schweizer Schüler in der Kategorie «Lesen» so schlecht abgeschnitten (Rang 18 von 30 Nationen), dass sogar die staatlichen Pädagogen aufgeschreckt sind. Die Zahl der Deutschstunden an Schweizer Gymnasien hat sich in den letzten Jahrzehnten drastisch reduziert. In Primarschulen und im Kindergarten sollen die Kinder jetzt den unverkrampften Umgang mit Hochdeutsch lernen. (...) Unser Verhältnis zum Hochdeutschen ist weniger ein fall für die Pädagogen als einer für den Psychiater.
Gegen die Vorbehalte, die inneren Blockaden, die deutschfeindlichen Reflexe, die zu dieser Deutschschweizer Sprachneurose geführt haben, kommt frühes Hochdeutsch in Schule und Kindergarten nicht an. Und doch ist es natürlich ein richtiger Schritt - vorausgesetzt, der Gebrauch des Hochdeutschen wird mit aller Konsequenz durchgesetzt. Trotz unwilligen Schülern, Lehrern und Eltern. Ist dieser Kraftakt geschafft, können vielleicht wenigstens unsere Kinder lernen, Hochdeutsch, die Sprache Frischs und Dürrenmatts, als das Eigene zu akzeptieren und nicht länger als das Fremde zu verteufeln. Vielleicht gar: Hochdeutsch zu lieben. Die Schweiz würde daran nicht zu Grunde gehen. Schon eher aus dem gegenteiligen Grund. Man kann nicht auf Dauer mit einer Sprache leben, die man verachtet."